Yoga als Nicht-Vegetarier

Ja, ich bin eine Yogini. Ja, ich bin Yoga-Lehrerin. Und nein, ich bin weder Veganerin noch Vegetarierin. Ich esse Fisch und Fleisch. Aber bin ich deshalb eine schlechte Yogini oder schlechte Yoga-Lehrerin? Damit habe ich mich in den vielen Jahren meiner „Yoga-Karriere“ schon oft auseinander gesetzt und besonders während der Yogalehrer-Ausbildung. Umgeben von einer ganzen Horde enthusiastischer Yogis und allesamt Vegetarier, stach ich schon immer hervor und durfte mir des öfteren Sätze anhören wie: „Fleisch essen ist doch total unyogisch.“ „Du kannst kein Yoga üben, wenn Du kein Vegetarier wirst.“ „Du musst Vegetarier werden, sonst bist Du kein gutes Vorbild als Yogalehrerin.“

Bekenntnis einer Yogalehrerin: Ich bin keine Vegetarierin

Sicher gibt es viele gute Gründe Veganer oder Vegetarier zu werden oder zu sein. Und sicher gibt es ebenso viele es nicht zu sein.

Aber welcher Weg ist jetzt der Richtige? Darauf kann und darf es nur eine Antwort geben. Dein Weg! Niemand kann Dir vorschreiben Vegetarier zu sein und es damit erklären, dass Du sonst kein guter Yogi sein kannst.

Der Weg der Erkenntnis ist lang

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich von Anfang an voll dazu gestanden habe eine Yogini zu sein und Fleisch zu essen. Während der Ausbildungswochen und -wochenenden habe ich mich vegetarisch ernährt. Schon alleine, weil wir meist gemeinsam in entsprechende Restaurants gegangen sind. Und ich brauchte mich so nicht zu rechtfertigen, was ich esse. Ich habe auch irgendwann mal den Entschluss gefasst Vegetarier zu werden, weil ich mir einredete, nur dann bin ich eine vollwertige und gute Yoga-Übende. Das ich nur ernsthaft Yoga machen kann, wenn ich es in voller Konsequenz so mache, wie man es von mir erwartet. Ich liess mich in einen Lebensstil pressen, der nicht mein eigener war. Und das machte mich nicht nur unglücklich, sondern ich dachte auch, dass dann Yoga nichts für mich ist. Ich recherchierte im Internet, las Texte von Iyengar oder Desikachar und fand heraus, dass es nicht nur mir so ging. Lassen wir die beiden Mal zu Wort kommen.

Was sagt B.K.S. Iyengar dazu?

B.K.S. Iyengar schreibt in seinem Buch „Licht auf Yoga“ zu Ahimsa:

Ahimsa: A = nicht, himsa = das Töten oder Gewaltsamkeit.

„Es ist mehr als das Verbot, nicht zu töten, denn es hat eine umfassendere Bedeutung, und dies ist die Liebe.“

weiter steht dort:

„Aber die Tatsache allein, dass ein Mensch Vegetarier ist, besagt noch nicht, dass er ein nichtgewaltsames Temperament besitzt, auch nicht, dass er ein Yogi ist, obgleich das vegetarische Essen Voraussetzung für die Ausübung des Yoga ist„.

Was sagt T.K.V. Desikachar dazu?

T.K.V. Desikachar schreibt in seinem Buch „Yoga – Gesundheit von Körper und Geist“:

Nirgendwo in den Veden oder in anderen alten Texten steht geschrieben, dass eine vegetarische Lebensweise für einen ersnthaften Yoga-Schüler zwingend sei – eine Ansicht, die aber besonders häufig bei Menschen aus dem Westen anzutreffen ist. … Doch auf keinen Fall ist Vegetarismus ein Gebot des Yoga.“

Wenn sich also schon 2 der großen Yogameister nicht einig sind, warum wird dann von vielen im Westen das Thema immer noch so dogmatisiert? Und wie finde ich den passenden Weg für mich?

Probier aus was zu Dir passt!

Sei experimentierfreudig. Hör auf Deinen Körper und was Dein Gefühl Dir sagt. Das braucht seine Zeit und auch bei mir hat es gedauert, bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin. Ich liebe Essen und ich liebe es zu Kochen. Und genauso liebe ich es mit Zutaten zu experimentieren und neue Gerichte auszuprobieren. Und ich koche sehr oft vegetarisch, aber eben nicht ausschließlich. In meiner Zeit in Indien habe ich mich rein vegetarisch ernährt und es hat mir auch nicht gefehlt Fleisch zu essen. Aber auch meine Yogalehrerin sagte mir damals, dass sie zwar Vegetarierin ist, aber wenn ihr Körper ihr signalisiert Fisch oder Geflügel zu essen, dann würde sie das auch machen. Und das ist für mich wahres Ahimsa. Gewaltlosigkeit gegen sich selbst und nicht nur gegen andere. Den Körper nicht zu einem Lebensstil zwingen, sondern ihm aufmerksam zuhören, was er braucht. Wie würde ich also meine derzeitige Ernährungsform bezeichnen?

Ich bin Flexitarierin

Und was bedeutet das genau? Ich esse das, was ich möchte und was mir und meinem Körper gut tut. Ich versuche mich zu mindestens 80% clean zu ernähren, also keine Fertigprodukte zu verwenden. Frisch gekocht und zubereitet. Ich esse viel Gemüse und Obst und Vollkornprodukte. Oft stehen vegetarische Gerichte auf dem Tisch, aber wenn ich Lust auf Fleisch oder Fisch habe, so esse ich auch das. Ich achte auf Qualität und nachhaltige Erzeugung und kaufe Bioware, meist beim örtlichen Biohof oder Geflügelzüchter. Und mir geht es gut dabei. Und das finde ich die Hauptsache.

Hat mich das als Yogalehrerin verändert?

Ja, definitiv. Ich bin ehrlich zu mir selbst und authentisch und das spiegelt sich in meinem Yoga-Unterricht wieder. Ich verbiege mich nicht um die Erwartungen anderer zu erfüllen, denn auch das ist für mich Ahimsa. Und nicht anderen die eigene Lebensweise unter dem Deckmantel der Spiritualität aufzuerlegen. Jetzt werden sicher viele gleich den Blog verlassen und nicht wiederkommen und das gleich nach dem ersten Beitrag. Ist das ein guter Startbeitrag für einen Blog, höre ich sie aufschreien. Ich finde ja. Ehrlich von der ersten Minute an. Das ist was ich bin und dazu stehe ich.

Die ganze Wahrheit

Ob Yogastudio, Workshop, Convention oder Yogareise. Auf dem Speiseplan steht eine strikte vegetarische Ernährung. Es gibt Kräutertee und Linsen-Dhal. Und wenn jemand fragt, ob es etwas Biohühnchen zum Tabouleh-Salat gibt, kann man die Entrüstung förmlich laut schreien hören. Und warum? Weil die meisten in ihren Yogastudios in den Philosophie- oder Karma-Lektionen hören, dass Fleisch essen einem Verlassen des Yoga-Pfades darstellt. Viele prominente Yogalehrer sind der Auffassung, dass wer Fleisch ist, auch Tiere quält und damit das Tor zum Yoga-Himmel ein für allemal verschlossen bleibt. Und auch wenn man sich so in den mittlerweile unzähligen Yoga-Blogs umschaut ist unter der Rubrik Food meist nur der Eintrag „vegan“ zu finden.

Die Yoga-Szene zeigt sich immer offen und tolerant. Es werden Dir Yogaposen und Meditationen beigebracht, die Du zu Hause üben kannst, egal wer Du bist. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Viele Yogalehrer sind Vegetarier und denken, dass Du es auch sein musst. Oder Du bist nicht so yogisch wie sie. Du wirst als unyogisch bezeichnet. Das ist mir selbst passiert. Und das ist für mich nicht yogisch oder spirituell, sondern einfach nur voller Vorurteile. So einfach ist das.

Ich kenne Yogis, die ihrer Leidenschaft für Sushi oder ein saftiges Steak nur heimlich hinter verschlossenen Türen nachgeben und es auf keinen Fall jemandem erzählen würden.

Eine Folge davon ist, dass die Yoga-Gemeinschaft zu einer Yogischer-als-Du-Kultur mutiert und dazu führt, dass Schüler lieber in einer vorurteilsfreien Zone wie einem Fitness-Studio Yogakurse besuchen. Niemand möchte sich wie ein schlechterer Mensch fühlen, und schon gar nicht, wenn er z.B. in der Baumstellung noch mit der Balance kämpft. Wenn man nicht spirituell sein kann und trotzdem Fleisch essen kann, wäre fast die komplette Menschheit aus unseren Studios ausgeschlossen. Der Dalai Lama hat auf Anraten seiner Ärzte angefangen wieder Fleisch zu essen, weil ihn seine vegetarische Ernährung nicht genug Nährstoffe bot. Ich höre schon Aufschreie wie: „Aber es geht nicht nur um Gesundheit. Es geht um die Zerstörung der Welt / das Ökosystem / und die Moral auf der Erde.“ Ich bin ganz Eurer Meinung, wenn es um Massentierhaltung und industriell erzeugte Massenware geht. Und wenn Dir das nichts sagt, solltest Du Dir den Film „Food. Inc“ mal ansehen. Menschen und Tieren würde es besser gehen, wenn die Menschen weniger Tierprodukte essen würden und diese aus nachhaltiger, regulierter Produktion stammen würde. Das klingt für mich plausibel. Aber gleich eine ganze Nahrungsmittelgruppe aus der Ernährung zu streichen, klingt auch nicht nach einer ausgewogenen Ernährung.

Und zum Thema Gewaltlosigkeit. Was ist denn mit den Millionen Insekten und Kleintieren, die jedes Jahr bei der Produktion von Obst und Gemüse sterben? Oder mit dem Gemüse selbst, wenn es bei lebendigem Leib zerhackt oder gebraten wird? Pflanzen können Schmerz empfinden und spüren wenn Menschen ihnen etwas antun wollen. Lies dazu mal das Buch „The secret life of plants“. Wenn wir uns also so ernähren wollen, das kein lebendes Wesen zu Schaden kommt, würden wir uns zu Tode hungern. Wir können uns nicht ernähren, ohne anderes Leben zu nehmen. Das ist der Kreislauf des Lebens.

Ich habe nichts gegen Yogis oder andere Menschen, die ihr Leben so leben, wie sie es für richtig halten. Ob nun als Veganer, Vegetarier oder Fleisch-Esser. Aber das ist so wie ich lebe und wie ich versuche als Vorbild auch in meinen Yoga-Klassen zu sein. Lass uns doch mal gemeinsam Essen gehen und darüber sprechen. Du isst in Frieden Deinen Salat und ich bestelle mir dazu noch ein bisschen Biohühnchen. Lass uns unser Yoga leben und wir gehen den Pfad des Yoga gemeinsam und treffen uns in der Mitte.

In diesem Sinne: Live your Life the way you want (Lebe Dein Leben so wie Du willst). Ich tu’s auch 😉

XOXO
Eure Silke

(Bildquelle: Fotolia)

Geschrieben von Silke

    4 Kommentare

  1. Anke 22. März 2016 at 10:50 Uhr Antworten

    Liebe Silke,
    ich danke Dir für diesen Artikel!!!!!
    Du sprichst mir so aus dem Herzen!!
    Ich bin ebenfalls Yogalehrerin und kein Vegetarier. Ich ernähre mich hauptsächlich bio (o.k., manchmal „muss“ es auch mal Fast Food sein) und liebe es zu kochen!
    Diese, ich nenne es mal: Selbstzerfleischung und nicht voll zu sich stehen…ich bin noch voll dabei :-)!
    Einerseits weiß ich, dass ich so authentisch bin und alles andere verlogen und nicht aus mir kommen würde, auf der anderen Seite habe ich das Gefühl mich ständig rechtfertigen zu müssen (und was man da sagt, ist eh falsch 😉 ).
    Schade finde ich die Agressivität, die viele dabei an den Tag legen und das nicht respektieren anderer Meinungen.
    (Am besten war eine Frau, die nicht meine Schülerin werden wollte, da ich den Tod ausatme….)
    Ich sende Dir viele Grüße und danke Dir nochmal herzlichst für diesen Blogeintrag!!!
    ❤❤❤

    • Silke 22. März 2016 at 11:00 Uhr Antworten

      Liebe Anke,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Es ist ein langer Weg und manchmal ist es immer noch schwer. Erst neulich habe ich wieder zu hören bekommen, dass es für jemanden der ernsthaft Yoga betreibt und für einen Yogalehrer sowieso unabdingbar ist Vegetarier zu sein. Aber es fällt immer leichter da drüber zu stehen.
      Du gehst Deinen Weg und nicht jeder Schüler passt zu Dir, wie auch nicht jeder Lehrer zu einem passt. Und das ist auch gut so. Bleib so authentisch wie Du bist. Ich denke das ist der richtige Weg….

      Liebe Grüße
      Silke

  2. Christina 30. August 2018 at 16:02 Uhr Antworten

    Vielen lieben Dank für den Artikel. Mit diesem Thema habe ich gerade sehr zu kämpfen, stehe noch ganz am Anfang meines Yoga Weges und mache mir viele Gedanken um das Thema Ernährung. DEIN Artikel hat mir nun eine andere Sichtweise gebracht ?

  3. Kanti Devi 29. März 2019 at 12:44 Uhr Antworten

    Liebe Silke,
    du hast da einen sehr guten Artikel geschrieben, lieben Dank!!!
    Ich bin selber Yogalehrerin und habe mich einige Jahre vegetarisch ernährt, was mit dem steuern des Geistes ja auch kein Problem ist. Nachdem mein Körper mir aber Folsäure- und Eisenmangel angezeigt hat, obwohl in meinem Ernährungsplan auch Hülsenfrüchte&Co sind, bin ich jetzt doch wieder beim Überdenken, ob eine vegetarische Ernährung für mich geeignet ist. Beim Regerchieren bin ich auf die verschiedenen Ernährungsbedüfnisse der unterschiedlichen Blutgruppen gestoßen. Blutgruppe 0 ist die Urblutgruppe und genetisch absolut nicht geeignet für vegetarische Ernährung. Für diesen Blutgruppentyp seien tierische Eiweiße äußerst wichtig…erst recht, wenn viel Sport getrieben wird.
    Da ich auch nur mit frischen Zutaten koche und an den Wert derer glaube, kommen Nahrungsergänzungsmittel für mich nicht in Frage.
    Ich habe mir jetzt beim Bio-Bauern Fleisch besorgt, welches ich mit guten Gewissen essen konnte und werde dies in größeren Abständen wieder tun. Mein Körper scheint es mir zu danken und an meiner eigenen Yogapraxis hat sich bis jetzt nichts zum Nachteil entwickelt.
    Wir als Yogalehrer „predigen“ Achtsamkeit mit dem eigenen Körper, also sollten wir auch achtsam mit uns selber umgehen.

    Namaste Kanti Devi

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